EINE GESCHICHTE ZUM LEBENSWERT

Heute Abend war ich zum ersten Mal wieder länger draußen, bei einer Freundin, und es war schon spät als wir endlich einsahen, dass es wohl Zeit für uns war, ins Bett zu gehen. Ich suchte eine Bahnverbindung raus, google schlug mir die Haltestelle Sedanstraße vor, aber ich meinte, „ich glaube, ich werde am Hauptbahnhof einsteigen, das ist genau so weit und da fühl ich mich beim Warten irgendwie sicherer, da sind mehr Menschen“. Meine Freundin schien diese Einschätzung nicht ganz zu teilen, aber als ich aus der Haustür trat, sagte mir mein Gefühl doch, die Richtung Hauptbahnhof einzuschlagen. Ich dachte, vielleicht hätte ich auch noch Zeit, eine Kleinigkeit zu essen zu besorgen, Pommes oder sonst irgendwas, was ich eigentlich gerade nicht essen sollte, aber Burger King hatte schon oder noch geschlossen. 

 

Empfangen wurde ich also stattdessen von einer Blutlache, die von den Rolltreppen zur U-Bahn führte, und von einem grimmigen Verkäufer am Kiosk gleich neben der roten Pfütze und all den Spritzern, für den es beinahe unverzeihlich schien, dass ich den Betrag für ein Käsebrötchen und ein ziemlich warmes Wasser nicht zufällig passend parat hatte. „Falsche Entscheidung“, dachte ich noch, und ließ mich mit einer für mich eher untypischen, trotzig schwungvollen Bewegung auf die Bank plumpsen, um die 13 Minuten abzuwarten, in denen meine Bahn angekündigt war. 

 

Und da stellte sich mir André vor. In diesem Augenblick wünschte ich, ich könnte besser zeichnen und hätte in den letzten Monaten weniger Zeit damit verbracht, immer nur mich selbst darzustellen. André hat aus meinem Unvermögen heraus in meiner Skizze etwas weibliche Züge bekommen und sieht hier auf dem Papier überhaupt ganz anders aus, als ich ihn vor meinem inneren Auge noch jetzt sehe, aber vielleicht zählt einfach der Gedanke. Er hat seine Geschichte mit mir geteilt und ich mit ihm nur mein Käsebrötchen. 

 

Ich bin hin und her gerissen, ob, was er mir erzählt hat, nun unter eine gewisse U-Bahn-Warte-Schweigeklausel fällt oder ob vielleicht genau diese Geschichte weiter geteilt werden sollte, so wie ich sie hörte. André war mehr als ein Jahrzehnt in der Armee, bevor er Tischler wurde und schließlich seine eigene Tischlerei leitete. André wurde von seiner Frau verlassen. Seine Tochter, die inzwischen so alt ist wie ich und mit der er noch über facebook Kontakt hat, nahm sie mit und seinen Hund auch. Sie ließ ihn einschläfern, seinen Hund, ein gesundes Tier, sein ein und alles. Die Trennung stürzte ihn in den Ruin, er musste seine Tischlerei verkaufen. Er brauchte Abstand und fand ein zweites Zuhause auf Cuba und in Ägypten, er spricht mehrere Sprachen fließend und fragt sich, warum er nicht da oder dort einfach geblieben ist. Stattdessen landete er schließlich wieder in Deutschland, auf der Straße, und mit der Diagnose einer Lungenkrankheit, deren Namen ich mir nicht merken konnte. Es waren vier Buchstaben und C war einer davon, ich glaube, der erste. Es sei davon auszugehen, dass es sich um eine Spätfolge handele aus seiner Zeit als Soldat.

 

Er hat bereits das dritte von vier Stadien erreicht, und trotzdem saß er da, neben mir auf der Bank, mit einem Lächeln auf dem Gesicht, und das erste, was er mir erzählte, war, dass er unglücklicherweise seine Bahn verpasst hatte, und am nächsten Morgen schon früh am Jobcenter sein musste, da am Montag endlich wieder eine Arbeit auf ihn wartete. Er hat einen Job gefunden und ein Dach über dem Kopf, er hat all die Energie aufgebracht, die es braucht, um von der Straße zu kommen, und das obwohl ihm, da er als (ich glaube ehemaliger) Raucher ganz unten auf der Liste der Empfänger einer für ihn lebensnotwendigen Organspende steht, wahrscheinlich nur noch ein paar Monate zu leben bleiben. 

 

Es scheint, fast nichts an dieser Geschichte ist richtig. Es ist nicht richtig, dass ein Mensch so viele Jahre seines Lebens im Einsatz oder auch nur in Vorbereitung auf den Krieg verbringt - nicht, weil es nicht richtig ist, sich für diesen Beruf zu entscheiden, sondern weil es diesen Beruf einfach nicht geben sollte, es sollte keinen Krieg geben und niemand sollte für einen Krieg sein Leben geben müssen, nicht an der Front und nicht an den Spätfolgen. Es ist nicht richtig, dass ein Mensch alles verliert, weil jemand, den er einst geliebt hat, beschließt, ihn stattdessen zu hassen und ihm alles zu nehmen. Es ist nicht richtig, dass ein kranker Mensch auf den kalten und nassen Straßen friert. Es ist nicht richtig, dass überhaupt jemand friert. 

 

Aber es war richtig, heute Abend am Hauptbahnhof einzusteigen. Es war richtig, André zu begegnen, der mich daran erinnern konnte, wie viel jedes Leben wert ist, auch meins, und dass es sich jeden Morgen lohnt aufzustehen. Es war richtig, einem Menschen zu begegnen, der mich mit seiner Geschichte und seiner Lust zu leben so tief berührt hat wie lange niemand. Ich wünschte, ich könnte André den Mond schenken und alle Sterne und ich wünschte, es würde ihm helfen. Aber nichts dergleichen kann ich für ihn tun. Ich konnte ihm nur meinen Namen nennen und ihm versprechen, bevor ich in meine Bahn stieg, dass ihm ein Platz auf jeder Gästeliste gesichert sei, für jedes Konzert, das ich von nun an singen werde. Keine Ahnung, ob er sich überhaupt für Musik interessiert, und ob ein Leo-Will-Konzert zu den Dingen gehört, die er noch erleben möchte. Die Türen der Linie 9 schlossen schneller als ich ihn das hätte fragen können. Aber ich wünsche ihm alles Glück und alle Wunder dieser Welt und ich wünsche euch allen einen wunderbaren Start in diesen neuen Tag, der für viele das Wochenende einläutet. 

 

Vielleicht denkt ihr, wie ich, heute ein paar Mal an André und daran, wie schnell es gehen kann, dass alles ganz anders kommt als man je gedacht hätte. Was bleibt uns, wenn nichts mehr übrig ist? Es bleibt, dass wir einander begegnen und zuhören, dass wir teilen und voneinander lernen und dass jeder Mensch und jedes Leben, dass jeder Tag einen Wert hat, aber ganz bestimmt keinen Preis. 

29.04.16 - Leo Will